Sind chinesische Fabriksarbeiter*innen der Grund für den COVID-19 Ausbruch in Italien?

Während sich das Coronavirus weiter ausbreitet und die Zahl der Toten dramatisch steigt, fragen sich manche „Warum Italien?“ Darauf gibt es keine einfache Antwort, aber einige glauben dennoch, sie gefunden zu haben: Zehntausende Arbeiter*innen, die aus China stammen. In Norditalien gibt es tatsächlich chinesischstämmige Communities, die in die Hundertausenden gehen. Das Virus kommt aus China, die Arbeiter*innen kommen aus China, case closed. So lautet das simple Argument. Es gibt allerdings ein paar Probleme damit, vor allem aber eines: Absolut nichts was wir über die Ausbreitung des Virus in Italien wissen spricht für diese These. Warum erkläre ich in dieser Folge von Blöd Gefragt.

2018 lebten über 300.000 Menschen aus China in Italien. Die meisten davon im Norden. Eine große Community gibt es in der Toskana, um die Stadt Prato. Die fällt aber für die Erklärung der rapiden Ausbreitung des Virus in Italien insofern aus, weil sie eben in der weniger und später betroffenen Toskana liegt und nicht in der Lombardei, dem Epizentrum der Krise. Es gibt aber auch eine große Community um Mailand, und damit sind wir im Epizentrum der Covid-19 Krise in Italien.

Die Mehrheit der chinesischen Community stammt aus der Provinz Zhejiang. Das ist nach Hubei die am zweitstärksten vom Coronavirus betroffene Region Chinas. Da wir nicht wissen wer Patient Zero war, ist es da nicht plausible anzunehmen, dass es Menschen aus einem betroffenen Gebiet in China sein könnten?

Zuerst einmal ist die Konzentration in der Lombardei ein Problem für die Erklärung. Wenn das Coronavirus massenhaft aus China eingeschleppt worden wäre, wäre es doch extrem unwahrscheinlich, dass es sich nur in der Lombardei ausbreitet, während in der Toskana nichts dergleichen passiert.

Aber vielleicht könnte man argumentieren, dass sich das Virus erst unter den chinesischen Arbeiter*innen ausgebreitet hat, bevor es die italienische Bevölkerung überraschte und überwältigte?

Nein, und der Grund dafür heißt Mattia, ist 38, ist Hobbyläufer und arbeitet bei Unilever. Wir wissen nicht, wer in Italien Patient Null war. Aber wir wissen, dass Mattia Patient Eins genannt wird. Was heißt das?

Wir wissen nicht, wo er sich angesteckt hat, aber wir wissen, dass er das Virus in Codogno, dem Epizentrum der Krise in der Lombardei, verbreitet hat. Er hatte eine sehr lange Inkubationszeit, über zwei Wochen, bevor er mit Symptomen im Spital landete. In der Zeit hatte er über 600 Sozialkontakte die zurückverfolgt wurden, und nahm sogar an zwei Wettläufen teil. Im Krankenhaus wusste zuerst auch niemand, dass es sich um COVID 19 handelt, daher kam es auch dort zu Ansteckungen. 36 Stunden vergingen, bevor er im Krankenhaus isoliert wurde. Bei der Rückverfolgung seiner Kontakte stellte sich heraus, dass Mattia keine direkte Verbindungen zu China oder Menschen die in China waren hatte (es gab einen Verdachtsfall, aber der wurde getestet und war negativ).

Die genetische Analyse des Virus zeigte, dass es schon ein paar Wochen in Umlauf gewesen sein dürfte, als Mattia endlich richtig diagnostiziert wurde. Das passt mit Berichten über ungewöhnliche Lungenerkrankungen in Italien vor dem Bekanntwerden des COVID19 Ausbruchs zusammen. Mattia wird zwar Patient Eins genannt, wird aber eher Patient 200 gewesen sein, das schätzt zumindest der Epidemiologe Fabrizio Pregliasco. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass diese „stille“ Verbreitung besonders unter den chinesischen Arbeiter*innen passiert wäre. Die ORF-Korrespondentin in Rom, Mathilde Schwabeneder, hat Martin Blumenau schon Anfang März erklärt, dass sie die Theorie vor allem aus Österreich kennt und nicht aus Italien. Außerdem betonte sie, dass die chinesische Gemeinde in Italien nicht besonders betroffen ist.

Die Geschichte mag intuitiv plausibel klingen, aber je genauer man hinschaut, umso mehr zerbröckelt sie. Was übrig bleibt ist die Gefahr, die von ihr ausgeht. Rassistische Übergriffe gegen Menschen aus China haben in Italien leider deutlich zugenommen. Wenn wir diese These weitertragen, laufen wir Gefahr, wie der rassistische Lügner Donald Trump dem Coronavirus eine rassistische Konnotation zu geben. Menschen verbreiten das Virus nicht weil sie chinesisch sind, sondern weil sie sich irgendwo angesteckt haben. Zum Beispiel in München. Oder beim Wettläufer Mattia.

Die gute Nachricht

Die schlechte Nachricht

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Foto: dcmaster/Flickr (CC BY-NC 2.0)

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